Sachen machen: Sammlung für Plansprachen

Obwohl ich eine echte Wienerin bin – geboren, aufgewachsen, nicht untergegangen – finde ich nach all den Jahren immer noch neue, gute Gründe meine Stadt cool zu finden. Einer davon ist das Esperantomuseum der ÖNB.

Über meine Liebe zu Conlangs (auch wenn ich – noch? – kein Conlanger bin) werde ich beizeiten noch ausführlicher berichten, sonst sprenge ich hier noch völlig den Rahmen. Damit das nicht geschieht berichte ich einfach mal über einen Besuch in einem außergewöhnlichen Museum. Denn was sonst könnten drei Linguistinnen in den Weihnachtsferien 2013 in Wien machen, wenn ihnen zufällig grad fad ist?

Das Museum und die angeschlossene Sammlung für Plansprachen (die ich noch nicht besucht habe, aber unbedingt besuchen möchte) sind meines Wissens nach, zumindest in Europa, die ersten und einzigen ihrer Art.

Wie der Name schon sagt, konzentriert sich das Museum vorwiegend auf Esperanto und bietet wirklich interessante Einblicke in die Sprache und die Philosophie die dahintersteht, der Fokus liegt eindeutig auf der Geschichte der “Esperantobewegung” mit ihrem egalitären, völkerverständigenden Grundgedanken und ist bestimmt nicht un-ideologisch geprägt. Der Großteil der zwei (oder drei?) Räume ist mit Memorabilien wie Kongresspostern und Mitgliedschaftsabzeichen gefüllt und – wenn man kein leidenschaftlicher Esperantist ist – auch eher wenig fesselnd. Allerdings kann man bei einigen interaktiven Stationen ein paar Grundkenntnisse der Sprache erlernen, was wesentlich faszinierender ist, weil Syntax und Etymologien und so (sagte ich schon, dass wir eine Gruppe von drei völlig durchgeknallten Linguistinnen waren, die sich stundenlang über Dinge unterhalten können, die ein Normalsterblicher nicht einmal aussprechen kann?). Wir hatten unseren Spaß dabei, die inhärente und wunderschöne Logik der konstruierten Grammatik zu durchschauen, und können jetzt Sachen sagen wie “Mia kusenveturilo estas plena da angiloj” (wtf?).

Außerdem wurden noch andere Plansprachen vorgestellt, darunter als wahrscheinlich bekannteste und elaborierteste Klingonisch (tlhIngan Hol [ˈt͡ɬɪŋɑn xol]), bekannt aus Star Trek. Viele denken wahrscheinlich, dass die Klingonen in Star Trek nur grmpfblablagugu und vergleichbaren Unsinn daherbrabbeln, doch das Gegenteil ist der Fall! Klingonisch ist eine voll entwickelte eigenständige Sprache, die von Marc Okrand erfunden und vom KLI (Klingon Language Institute) weiter gefördert wird. Auch wenn es Klingonen nicht wirklich gibt (was ich persönlich, ehrlich gesagt, immer noch bezweifle😉 ) hat das Klingonische zumindest vom formellen Standpunkt aus gesehen so gut wie alles was eine natürliche Sprache auch hat: Grammatik, Vokabular, Wörterbücher, Literaturübersetzungen (“Sie werden Shakespeare erst wirklich genießen, wenn Sie ihn im klingonischen Original lesen”, Kanzler Gorkon, Star Trek VI: Das Unentdeckte Land), wissenschaftliche Journals und Publikationen,…

Ich bin oft vor den Ausstellungsstücken und vor allem vor den interaktiven Informationstafeln gestanden und dachte mir: meh, faaad, erzähl’ mir was Neues! – aber ich habe mich aufgrund meines Studiums in den letzten fünf Jahren fast ausschließlich mit linguistischem Wahnsinn in all seinen grausamen Facetten befasst. Deshalb denke ich doch, dass die Ausstellung gerade für “Laien” (man kann guten Gewissens auch sagen: “normale Menschen mit normalen Hobbys”😉 ), die sich noch nicht mit Conlangs, Plansprachen, Sprach(en)politik und Linguistik im Allgemeinen befasst haben, besonders interessant ist. Die Informationen bieten einen breitgefächerten grundlegenden Einblick in die Materie und sie sind wirklich gut aufbereitet und allgemein verständlich formuliert.

Schade finde ich nur, dass das Museum gewissermaßen im vergangenen Jahrtausend stehen geblieben ist. Gerade in den letzten paar Jahren hat sich im Bereich der “Fantasy & SciFi Conlangs” so unglaublich viel getan, dass man dem eigentlich Tribut zollen müsste. Marc Okrands Klingonisch und J.R.R. Tolkiens Sprachen und Schriften, bekannt aus dem Herrn der Ringe und dem Hobbit, kennt man ja noch eher … aber die Welt dreht sich weiter und das Universum dehnt sich aus, vor allem in einem so vielseitigen Bereich wo so viele fähige, kreative und obsessive Menschen zusammenkommen wie im Reich dessen, was ich gerne “fiktive und hypothetische Linguistik” nenne. Was ist mit Paul Frommer und seinem Na’vi, bekannt aus Avatar? Was ist mit David J. Peterson und seinem Dothraki,bekannt aus Game of Thrones? Der historische und philosophische Focus auf konstruierte Sprachen, den das Museum bietet, ist umfassend und wichtig, aber bei diesem Thema statisch zu bleiben ist – milde ausgedrückt – vergeudetes Potential.

Alles in allem habe ich den Besuch im Esperantomuseum in richtig positiver Erinnerung. Das könnte unter Umständen auch daran liegen, dass eine meiner Freundinnen während unseres Aufenthalts dort den gesamten “Sein oder Nichtsein”-Monolog aus Hamlet im klingonischen Original auswendig gelernt hat – taH pagh taHbe’ – und beim Abendessen (nur drei Worte: Pasta. Vapiano. Gegenüber.) wiederholt so authentisch leidenschaftlich und vor allem so lautstark rezitiert hat, dass wir sie am Heimweg schon vor dem Burgtheater aussetzen wollten…😉 Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Kurz und gut, wer sich für Sprache und / oder Utopien begeistern kann und zufällig gerade in Wien ist sollte diesem Museum auf jeden Fall einen Besuch abstatten. Man kann sich natürlich denken: die spinnen, die… Aber man kann auch einfach eintauchen in eine ziemlich verrückte und ziemlich faszinierende Welt. Mehr bald!

Die Eckdaten:

  • Palais Mollard, Wien 1, Herrengasse 9 – erreichbar über U3 Herrengasse (CAVE! Das ist nicht dort wo die Nationalbibliothek eigentlich ist, sondern in der Herrengasse und nicht in der Hofburg… dass ich mich ganz selbstsicher verlaufen habe, muss ich nicht extra erwähnen, oder?)
  • Eintrittspreis 4€ für Erwachsene, 3€ für Studierende, gratis für Kinder und Jugendliche. & es ist ein Kombiticket mit den anderen Museen der ÖNB.
  • Öffnungszeiten und alles weitere siehe Webseite.

(Übrigens: Dies ist keine bezahlte Werbung der ÖNB, sondern ein rein privater “Reise-“Bericht – nur meine Meinung, und alle Angaben ohne Gewähr.😉 )

8 thoughts on “Sachen machen: Sammlung für Plansprachen

        1. Awww lieben Dank! Freu’ mich, dass es Dir gefällt und bin schon dabei, mich durch Deinen Blog zu wühlen. Über Conlangs kommt demnächst und immer wieder sicher mehr, versprochen…🙂

...and thanks for all the fish!

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