Rezension: Die Frau des Zeitreisenden

Es war einmal ein fabelhaftes Mädchen mit aperolspritzerfarbigen Locken (die ich damals noch nicht so nannte, denn damals war Aperolspritzer noch nicht cool und wir waren in dem Alter in dem wir Pfirsichspritzer und lauwarmes Dosenbier liebten weil wir noch nichts Besseres kennen gelernt hatten), mit dem ich einen fabelhaften Sommer auf einer Insel im Mittelmeer verbracht habe. Die einzige Sorge dieses Sommers war die Frage, ob wir lieber lesen oder schwimmen wollten. Wasserdichte eBook-Reader waren damals noch ziemlich Science Fiction, also schlug mein Mädchen vor, eine Firma zu gründen mit der wir natürlich stinkreich werden wollten, und folierte Bücher zu produzieren, damit wir im Pool treibend lesen konnten – wir könnten sie Folianten nennen. “Du bist übergeschnappt”, sagte ich nur, denn das sagte ich meistens zu ihr. Wenn ich zeitreisen könnte, würde ich diesen Sommer zu gerne nochmal erleben…

Egal, das tut jetzt alles nichts zur Sache. Jetzt geht’s um Die Frau des Zeitreisenden, das Buch, das ich in diesem Urlaub am Pool gelesen habe – weit weg von der fabelhaften Insel, dafür aber mit Aperolspritzern. Das fabelhafte Mädchen hätte es nicht gemocht und ich … naja, eigentlich mag ich es auch nicht, obwohl ich meistens genau die Bücher mochte die sie hasste.

Ich bin unheimlich fasziniert von Zeitreisen, und ich mag epische und komplizierte Liebes-&Lebensgeschichten mit starken Frauen als Protagonistinnen wie sie im Klappentext angekündigt wurden, sodass ich an dem Buch kaum vorbeigehen konnte – auch wenn mich Cover mit Pastellfarben und Blümchenkitsch für gewöhnlich eher abschrecken. Ich hätte mal besser auf meine Intuition hören sollen, das Buch blieb leider ziemlich hinter meinen Erwartungen zurück. Auch wenn Zeitreisen (bzw. ein Zeitreisender) das Hauptthema sind, ist dieses Buch kaum ernstzunehmende und wohldurchdachte Science Fiction sondern eine banale Hausfrauenschmonzette Chick Lit im “exotischen” Kleid…

Henry reist durch die Zeit und trifft dabei immer wieder und meistens nicht linear und logisch auf seine Frau Clare, denn so ist das nun mal bei Zeitreisen. Jedoch hatte ich stets den Eindruck, dass das Dasein als “Frau des Zeitreisenden” Clares einzige Identität ist, zuerst hockt sie nur da und wartet auf den nächsten magischen Moment in dem er sie mit seinem Besuch beglückt, später hockt sie nur da und wartet däumeleindrehend auf seine Rückkehr von der nächsten Zeitreise. Im Klappentext wird genau das als “Sehnsucht” beschrieben, ich würde es eher “(Co-)Abhängigkeit” nennen, und das ist nun objektiv betrachtet wirklich nicht besonders romantisch. Bei all dem temporalen Wahnsinn, der ihr Leben diktiert, bleibt Clare erschreckend passiv: Wenn sie den Zeitreisenden nach ihrer Zukunft fragt, interessiert sie hauptsächlich entsetzlich Triviales wie die Frage, ob sie sehr dick geworden sei. Im Laufe der Geschichte präsentiert sie sich als egoistisches, verwöhntes Luxuspüppchen nach deren Pfeife alles und jeder incl. Henry zu tanzen hat, das wird besonders im mittleren Drittel des Buches, als sie sich einbildet jetzt unbedingt ein Baby haben zu wollen und dafür beinahe schon über Leichen geht, deutlich. Das machte es mir ziemlich schwer, ihren Charakter sympathisch zu finden.

“Als sie sich das erste Mal begegnen ist Clare sechs und Henry 36, aber in Wahrheit ist Henry nur acht Jahre älter und schon lange mit ihr verheiratet.” – so die Synopsis im Klappentext. Ab jetzt wird’s creepy, und zwar so richtig, auf eine gruselig-pädobärige Art und Weise. Henry erzählt Clare, dem Kind, dass sie in der Zukunft seine Frau sein wird, und danach richtet sie fortan ihr Leben aus, und was zunächst naiv-niedlich ist wird mit der Zeit immer obsessiver. Pünktlich zu ihrem 18. Geburtstag “schenkt” er, also sein zeitreisendes 41-jähriges Ich, ihr den ersten Sex, nicht ohne ihr vorher (jahrelang) zu erzählen wie oft er in anderen Zeiten schon mit ihr geschlafen hat. Mich schüttelt’s irgendwie bei dem Gedanken. Man stellt sich – wie so oft bei Zeitreisen – die Frage, ob hier die Zukunft die Vergangenheit beeinflusst oder umgekehrt, und welche temporalen Paradoxien das auslösen kann, vor allem da Henry und Clare ziemlich leichtsinnig damit umzugehen scheinen.

Gut gefallen haben mir allerdings die Stellen, die sich um Henry, den Grund für seine Zeitreisen und ihre Auswirkungen drehen. Grundsätzlich finde ich den Charakter des Zeitreisenden Henry wesentlich interessanter und vielschichtiger als sein titelgebendes Weibchen. Die Idee, dass das alles wegen eines epilepsieartigen Gendefekts passiert finde ich innovativ, und seine Versuche, die Medizin(er) auszutricksen und eine Heilung in der Zukunft oder der Vergangenheit zu finden sind spannend beschrieben. Ebenso spannend finde ich seine unfreiwilligen Abenteuer und Herausforderungen, die er bestehen muss, wenn er wieder einmal splitterfasernackt (denn die Zeitreise klaut ihm jedesmal sein Gewand und alle Habseligkeiten) und verwandelt (mal ganz verloren als kleiner Bub, mal genervt als in temporalem Wahnsinn geübter Mittvierziger) in einer fremden Zeit an einem fremden Ort auftaucht und sich dort irgendwie durchschlagen muss bis der nächste Zeitsprung ihn wieder mitnimmt. So wird er quasi aus Notwendigkeit zu einem geschickten Kleinkriminellen, der sich aus diversen vertrackten Situationen und Begegnungen mit empörten Passanten, herzzerrissenen Exfreundinnen, begriffsstutzigen Polizisten und ratlosem Krankenhauspersonal wieder hinauslavieren muss. Jeder dieser verrückten Trips war humorvoll und bildhaft geschildert, ich hätte sehr gerne mehr davon gelesen, anstatt von Clare die frustriert im Bett hockt und herumraunzt, dass Henry wieder weg und sie armes Hascherl buhuuu ganz allein ist.

Mein größter Kritikpunkt an diesem Buch ist jedoch die deutsche Übersetzung – normalerweise versuche ich ja, Bücher wenn möglich immer im Original zu lesen, dass ich es diesmal nicht getan habe war ein schwerer Fehler, der mir den Lesegenuss ziemlich vermiest hat. Ich bin bilingual und deshalb ziemlich kleinlich sensibel was gute Übersetzungen angeht – diese hier fand ich über weite Strecken extrem holprig, schwerfällig und ärgerlich inkonsequent. Tausend Beispiele fielen mir jetzt ein, aber spätestens bei “nimm deine Gedanken aus dem Rinnstein” –  “get your mind out of the gutter”, zu Deutsch “denk’ nicht so versaut” – war meine Geduld wirklich zuende.

Fazit: ich mag die Frau des Zeitreisenden – wenn sie River Song heißt. Diese hier definitiv nicht, ich habe selten beim Lesen so oft mit den Augen rollen müssen wie bei diesem, ich dachte schon sie bleiben stecken.

Nachdem ich Bücher, die mir nicht gefielen, inzwischen nicht mehr behalte, wird sich dieses hier demnächst im Offenen Bücherschrank am Brunnenmarkt wiederfinden. Falls jemand in Wien ist und einen anderen Büchergeschmack hat als ich, kann sich schon freuen…😉

One thought on “Rezension: Die Frau des Zeitreisenden

...and thanks for all the fish!

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