Rezension: Die Philosophie bei Star Trek

Philosophie ist eine dieser Disziplinen, die mich immer schon fasziniert haben und über die ich trotzdem noch viel zu wenig weiß. Wie bei den meisten begann das wohl irgendwann mit Sofies Welt und begleitete mich durch die Schule, das Studium und unzählige Bücher. Die Kombination von Philosophie und Star Trek finde ich überaus faszinierend, und passend, denn die Serie wirft im Laufe der Zeit so viele existentielle und philosophische Fragen auf, dass ich so oft Pausen machen musste, um meine Gedanken zu ordnen und so manche Nacht nicht geschlafen habe, weil mich diese oder jene hitzige Grundsatzdiskussion davon abgehalten hat. Ein Buch darüber schien wie für mich gemacht zu sein, also habe ich es gekauft, als potentielle Antwort auf all meine Fragen, und als neuer Denkanstoß für all meine weiteren Überlegungen.

Fasziniert – und ja, ich weiß, Spock sagt dauernd “faszinierend!” und jeder der in seinem Leben auch nur eine einzige Folge Star Trek geschaut hat kichert kindisch dabei – hat mich auf den ersten Blick das Inhaltsverzeichnis. Kapitelüberschriften wie “Der Homo-sapiens-Club – Ethnien und Sprachenvielfalt in Star Trek” oder “Hippokrates in den Sternen – wohin noch kein Arzt gegangen ist” haben mich neugierig gemacht.

“Wie Sie hoffentlich wissen ist Philosophie viel mehr als nur ein bisserl grübeln und g’scheit daherreden” – so begann auf gut Wienerisch eine Einführungsvorlesung in die Geschichte der Philosophie, die ich vor etlichen Semestern besucht habe. Und genau dieser Leitsatz gilt auch für dieses Buch, das seinem sehr ambitionierten Titel leider just aus diesem Grund nicht gerecht wird…

Schon im Vorwort bittet der Autor um Verzeihung für die Unzulänglichkeit des Buches, für seine eigenen Widersprüche, Fehler und Ungereimtheiten, bittet um ein Augenzwinkern, etwas später betont er, dass er Naturwissenschaftler sei und er sich vor allem auf diesen Aspekt konzentrieren möchte. Das ließ mich erst mal stutzig, um nicht zu sagen skeptisch, werden. Sicher ist es schwierig, zwei so monströse Themen wie “Philosophie” und “Star Trek” auf nur ca. 250 Seiten zu vereinen, es ist mir schon klar, dass das in dieser komprimierten Form keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben kann, doch ziemlich bald bekam ich den Eindruck, dass das Buch nicht wirklich eine klare Linie verfolgt und deshalb enttäuschend nichtssagend bleibt. Auf jeden Fall ist es mehr ein Kompendium von Fanwissen und Theorien und Gedanken dazu als eine ernstzunehmende wissenschaftliche Abhandlung, die ich – vor allem aufgrund des hochtrabend lehrbuchmäßigen Titels – erwartet hatte. Es ist durchaus unterhaltsam und kurzweilig geschrieben, aber wenn man, wie ich, mit einigem Vorwissen in beiden Themengebieten und einem gewissen akademischen Anspruch an das Buch herangeht, hat man oft das Gefühl, dass nur an der Oberfläche gekratzt wird und eine profunde Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen größtenteils ausbleibt.

Jedes der dreizehn Kapitel steht für sich allein und behandelt im Stil eines Essays jeweils ein anderes Thema. Ich hatte jedoch den starken Eindruck, dass die Qualität der Kapitel enorm schwankt. Um einige Beispiele zu bringen:

Wirklich begeistert war ich von den Kapiteln, in denen es um Data und Hologramme und ihre Persönlichkeitsrechte als künstliche Lebensformen ging (mit der äußerst treffenden Kernfrage: “Mensch oder Vermenschlichung?”), das war so wohldurchdacht und hat mich zum Nachdenken angeregt, das waren absolute, wenn auch sehr techniklastige statt philosophische, Highlights des Buches! Das Kapitel über Q und seine vermeintlich gottgleiche Allmacht (ein Thema, das mich ganz besonders interessiert) fand ich ansatzweise auch sehr gut, wenn auch stark eindimensional und unvollständig ausgearbeitet, vor allem da die historische Meta-Ebene mit Roddenberry als Protagonisten, seiner Weltanschauung und seiner Motivation die Serie so zu gestalten wie sie ist (er war ja bekennender säkularer Humanist und wurde von seinen Zeitgenossen im konservativ-reaktionären christlichen Amerika oft als “militanter Atheist” diskreditiert) komplett außer Acht gelassen wurde und der vermeintliche “Gottesbeweis” bzw. dessen Negation nur von einem einzigen Standpunkt (Descartes!) aus angetreten wurde. Das Kapitel über die ethnische und linguistische Vielfalt im Star-Trek-Universum hat mich hingegen einfach nur aufgeregt, obwohl ich mich gerade darauf besonders gefreut hatte, darauf werde ich jetzt nicht weiter eingehen sondern demnächst einen eigenen Blogartikel zum Thema schreiben, um nicht den Rahmen dieser Rezension zu sprengen.

Grundsätzlich scheint mir, dass der Autor seinen Standpunkt als archetypischer Star-Trek-Fan – das allegorische Klischee vom privilegierten weißen Mann und Erdling – nicht verlassen kann (und/oder will?), und das bei einem Thema, das eigentlich nur danach schreit auf eine neue, wenn auch fiktive, Ebene des größeren Ganzen gehoben zu werden. Einige alte Griechen und Abendländer wurden zwar zitiert, doch modernere Ansätze der Philosophie und Medien-/Kulturtheorie wurden komplett außer Acht gelassen.

Leider strotzt das Buch stellenweise nur so von veraltetem Halbwissen und verharmlosenden Verallgemeinerungen: beispielsweise an den Stellen, in dem von “Alltagskrankheiten wie Stress, Depressionen und Übergewicht” oder von der “Gebärdensprache als Kunstsprache der Taubstummen” die Rede ist… so etwas ist ärgerlich und weckt in mir das Bedürfnis, wiederholt WTF?!?! [sic!] mit Bleistift am Seitenrand zu notieren. Auch wenn der Focus des Buches natürlich auf der Philosophie liegt, sollte auch darüberhinaus eine etwas profundere Recherche betrieben werden anstatt nur wohlformulierte Binsenweisheiten als wissenschaftliche Tatsachen darstellen zu wollen.

Ich bin ja grundsätzlich ein großer Fan von transdisziplinären Ansätzen anstelle von Scheuklappendenken – doch wie einer meiner Lieblingsdozenten einmal sehr treffend sagte: “nicht alles was ein Mischmasch ist, ist auch transdisziplinär”.😉 Soll heißen, trotz des Buchtitels kam mir die Philosophie oft viel zu kurz. Ich hatte eine bildhafte Erklärung philosophischer Schulen und Konzepte anhand von Beispielen aus Star Trek erwartet, auch eine anschauliche Gegenüberstellung, wenn nicht sogar eine kritische Reflektion, verschiedener Denkansätze bei besonders strittigen Fragen (und derer gäbe es viele!). Dahingehend wurden meine Erwartungen absolut nicht erfüllt, stattdessen hat sich der Autor in detaillierte Inhaltsangaben der einzelnen Episoden (die Memory Alpha existiert aus gutem Grund, ja?!) und Fantheorien verstrickt und hin und wieder ein paar lapidare Zusammenfassungen der Ansichten besonders berühmter Philosophen, die gerade zum Thema zu passen schienen, in den Ring geworfen. Vielleicht tue ich ihm absolut Unrecht mit meiner Einschätzung, aber streckenweise macht es den Eindruck, als wäre der Autor (laut Klappentext ein “Star-Trek-Experte”, über seine Qualifikation als Philosoph erfahren wir vielsagenderweise rein gar nichts) selbst nicht besonders bewandert in tieferschürfenden philosophischen und soziologischen Fragen, die über das Offensichtliche, das jedem durchschnittlich intelligenten und gebildeten Fan spätestens im dritten Glotzmarathon auffällt, hinausgehen… sollte das nicht der Fall sein, möchte ich mich entschuldigen – schließlich bin ich selbst keine große Gelehrte im Gebiet der Philosophie, nur eine sehr enthusiastische Laie.

Um noch einmal auf den eingangs kritisierten wissenschaftlichen Anspruch zurückzukommen: popkulturelle Phänomene haben schon längst den Weg von der Mainstream-Unterhaltung in den wissenschaftlichen Diskurs gefunden und werden von Forschern aller Disziplinen ernst genommen – das beweist unter anderem die Tatsache, dass die renommierte us-amerikanische Georgetown University seit mehreren Jahren Seminare zum Thema Star Trek und Philosophie anbietet. Dass nicht jeder Fan, der sich dafür interessiert, auch geübt im Lesen und Verstehen hochwissenschaftlicher Texte ist, liegt auf der Hand und ist per se auch nicht verwerflich. Niemand wird als Experte geboren, und Laien mit Einfühlungsvermögen und Fachwissen an eine Thematik heranzuführen ohne sie dabei zu frustrieren ist – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – eine ganz besondere Herausforderung, die sensibel und wohldurchdacht angegangen werden muss. Gerade deshalb sollte auch ein populärwissenschaftliches Buch meiner Meinung nach einen gewissen Mindeststandard in Bezug auf seine Methodik haben – bei diesem konnte ich keinen erkennen, noch nicht einmal einen “roten Faden”. Besonders bemängeln möchte ich das Fehlen einer ausführlichen Bibliographie  und einer durchgehenden Zitierweise. Ich spreche jetzt ausdrücklich nicht von der universitären Zitierhysterie im Zeitalter der Plagiatsskandale, sondern einfach nur von Hinweisen, wo der Autor sein Wissen hernimmt und wie man mehr über das eine oder andere angesprochene Thema erfahren kann, wenn es einen weiterführend interessiert – schließlich sollen gerade Bücher wie dieses im besten Fall zum Weiterdenken und Nachforschen animieren! Konsequent zitiert wurden ausschließlich die Titel und Nummerierung der einzelnen erwähnten Filme und Episoden, darüberhinaus wurden Referenzen eher spärlich und völlig arbiträr gesetzt (beispielsweise wurde mit Links zu Umfragen auf diversen Fanseiten und Diskussionsforen belegt, dass Data einer der beliebtesten Charaktere sei, aber auf die Originalwerke zu den Theorien der meisten erwähnten Philosophen wurde nur in Ausnahmefällen verwiesen – das muss man nicht verstehen, oder?).

Ein letzter Kritikpunkt ist leider auch die physische, handwerkliche Qualität des Taschenbuchs. Wer mich kennt weiß, dass ich extrem pedantisch umsichtig im Umgang mit meinen Büchern bin. Einmal von vorne bis hinten gelesen und mehrmals etwas nachgeschlagen, und dieses hat schon drei Knicke im Rücken und eine Ecke des Einbands löst sich auf. Da eigentlich alle meiner Lieblings(taschen)bücher auch nach Jahren des Immerwiederlesens noch in hervorragendem Zustand sind fürchte ich, dass das nicht unbedingt an mir liegt…:/

Fazit: Küchenphilosophie im Weltraum... wohlwollendes “Augenzwinkern” hin oder her, das ist eine nette Zusammenfassung persönlicher Gedanken und Ansichten eines Fans für Fans, aber leider nicht mehr. Wer sich schon intensiver mit Star Trek und / oder Philosophie auseinandergesetzt hat, wird nicht viel Neues erfahren.

Meine persönliche Faszination mit Star Trek und Philosophie hört trotzdem nicht auf… demnächst irgendwann werde ich mich an Kevin Decker und Jason Eberls The Wrath of Kant versuchen, mal sehen ob mir das mehr zusagt. Wenn nicht, stecke ich einfach weiter die Zecherln in den Sand…😀

...and thanks for all the fish!

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