Fuck you, we fucking love science!

Eine entfernte Über-drei-Ecken-Bekannte von vor ungefähr tausend Jahren Facebook-Freundin hat vor ein paar Tagen einen Link zu einem Artikel gepostet, der mich wirklich ziemlich grantig gemacht hat: You’re not a nerd, geeks aren’t sexy and you don’t ‘fucking love science‘!” wird dort ebenso polemisch wie herablassend behauptet. Mag sein. Ich frage mich nur, ob dieser abscheuliche Grad an Verachtung angemessen oder angebracht ist. Meiner bescheidenen Meinung nach: nein, nein, und nochmals nein!

Gerade wir Nerds, Geeks und Wissenschaftler haben in der breiten Öffentlichkeit mit einem massiven Imageproblem zu kämpfen, und ebenso mit Nachwuchssorgen in einem Zeitalter in dem von allen Seiten der brain drain unserer Gesellschaft lamentiert wird. Wir sollten also heilsfroh über und dankbar für jede Initiative sein, die ein Fürsprecher und positiver Multiplikator für “unsere Sache” ist. Ich wage zu behaupten, dass authentische und witzige Facebookseiten da wesentlich mehr bewegen als die Infoflyer perfekt durchgestylter Kampagnen der diversen zuständigen Ministerien, aus denen zu Tode gelangweilte Gymnasiasten sowieso nur Papierflieger falten, und die gut gemeinten Artikel und Reportagen in den Qualitätsmedien, den konservativ-bildungsbürgerlichen wie auch den linksliberal-intellektuellen, unter die die anonyme Meute der Kommentatoren mit Freizeitüberschuss dann “was soll denn der schaas schowieda is ja ur unnötig und dafür hau ma das geld beim fenster auße? das sind meine steuern oida!!!” rotzen kann…

Vom Elfenbeinturm aus auf das Fußvolk ‘runterpinkeln ist einfach. Sich daran zu erinnern, dass auch wir als Nerds, Geeks und Wissenschaftler nicht zwingend die Weisheit für uns gepachtet haben und auch nicht immer schon dort waren wo wir jetzt sind (oder gerne wären), fällt manchen ganz offensichtlich etwas schwerer.

Wer ein ernstzunehmender Nerd, Geek oder Wissenschaftler ist und ausgerechnet Facebook auf der Suche nach den aktuellsten und bahnbrechendsten wissenschaftlichen Erkenntnissen durchforstet, hat sowieso etwas falsch verstanden. Universitätsbibliotheken, Fachzeitschriften und Portale wie scholar.google und academia.edu gibt’s schließlich nicht nur zum Spaß, dort findet man anspruchsvolle Papers zuhauf und niemand wird daran gehindert sich darin einzugraben, wenn man das möchte… aber was spricht dagegen, für einen Moment mal die Ernsthaftigkeit beiseite zu lassen und von seinem hohen Ross hinunterzusteigen?

Als ich noch ein Kind war, haben mir Hugo Portisch und David Attenborough die Welt erklärt und es gab es haufenweise Bücher und Fernsehsendungen wie Was ist Was und Eyewitness und The Magic School Bus und Löwenzahn. All das Lichtjahre entfernt von dem, was man superseriöse Wissenschaft nennen darf, aber es ist ein Anfang … es war ein Anfang, für mich zumindest, und ich traue mich zu wetten, dass es ziemlich vielen von denen, die in den 1980ern geboren wurden und die sich jetzt ganz selbstgefällig “Nachwuchswissenschaftler” schimpfen, ähnlich geht. Mein derzeitiger Studiengang nennt sich “cultural studies” und noch ein paar superwissenschaftlich klingende Bullshit-Bingo-Schlagwörter dazu, doch mein Interesse für fremde Kulturen und Sprachen wurde vor so vielen Jahren durch Bücher und Sendungen wie die erwähnten geweckt. Ich bin in einer Akademikerfamilie aufgewachsen, in der es ganz selbstverständlich war sich für viele Dinge zu interessieren, und ich habe doch erst durch Bücher und Sendungen wie diese gelernt, dass die Welt so unzählige und vielseitige Wunder zu bieten hat auf die man neugierig sein kann und die es sich zu erforschen lohnt (auch wenn sie die unmittelbaren Forschungsinteressen und damit den Horizont meiner Eltern überschreiten). Ich weiß sehr wohl, dass ich privilegiert war bin – und wenn es mir schon so ergangen ist traue ich mich gar nicht zu fragen, wie sich der Weg zur wissenschaftlichen Neugier für diejenigen gestaltet, für die der freie und vorurteilslose Zugang zum Wissen und zur Bildung nicht so selbstverständlich ist. Die corpora delicti, die Fanseiten von Wissenschaft und Nerdtum, sind die logische Konsequenz und Fortführung von Büchern und Serien wie den erwähnten, nur ins digitale Zeitalter übertragen.

Das Internet hat den entscheidenden Vorteil, dass es das Wissen der Menschheit demokratisiert, statt es in elitären universitären Räumen unter den Talaren und dem Muff von tausend Jahren wegzusperren (und nur einige wenige als Prinzen und Prinzessinnen auszuerküren, die allein es wert sind diese unermessliche, mysteriöse Weisheit zu erlangen). Das ganz bewusst zu nutzen kann nicht verkehrt sein!

Niemand hat je behauptet, dass “(populär-)wissenschaftliche” Seiten wie die genannten die Krone des Intellekts seien oder gar sein wollen. Weshalb also eine derartige Hasstirade? The Internet is for porn, schon klar, aber was soll bitteschön so verwerflich daran sein, wenn man zwischen aberhunderten sinnlosen Katzen- und Kinderfotos im Facebookfeed den einen oder anderen Schnipsel findet, der unprätentiös und mit einem Augenzwinkern, auf humorvolle und leichtverdauliche Art und Weise bisher Unbekanntes vermittelt – etwas, für das man sich vielleicht nie interessiert hätte weil man es für viel zu hochtrabend und kompliziert gehalten hatte, das einem im besten Falle vielleicht sogar zum Nachdenken anregt oder ein Aha-Erlebnis beschert?

Ich vergleiche das jetzt einfach einmal mit einem Projekt, das mir sehr am Herzen liegt: der Kinderuni. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass niemand von den Mädchen und Buben, die ich während meines Praktikums dort betreut habe, je auch nur ansatzweise ein Nobelpreisträger wird. Aber hoffentlich hat der eine oder andere etwas viel Wichtigeres von dort mitnehmen können: Begeisterung und die hands-on Erkenntnis, dass Wissenschaft nicht irgendetwas schrecklich dubioses und potentiell gefährliches ist, sondern das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Sozialen Medien funktionieren ganz ähnlich, nur mit einer wesentlich größeren Zielgruppe.

Bricht uns etablierten Nerds und Geeks und Wissenschaftlern dadurch ein Zacken aus der Krone? Nein. Wertet es unsere lebenslaufrelevanten Publikationen in den superseriösen peer-reviewten Journals irgendwie ab? Nein. Ersetzt es die universitäre Lehre oder die fetten Lehrbücher, für die wir bereits das Äquivalent einer halben Weltreise ausgegeben haben bevor wir uns überhaupt Akademiker schimpfen durften? Ganz und gar nicht (was scheiße ist, denn eigentlich wäre mir eine Weltreise ja lieber…) . Ist es cool, wenn ein unbedarfter Teenager, der Boybands und Seifenopern mag, im Facebook über einen (populär-)wissenschaftlichen Artikel stolpert, ihn liest und liket und im besten Falle trotz aller pubertärer Wurschtigkeit sogar von dessen Inhalt begeistert ist und durch zehntausend Likes von anderen erkennt, dass er nicht allein ist mit seinen seltsamen Interessen? Ja, das ist es. Das ist richtig cool, und wenn nur einer von diesen zehntausend Likes sich ‘reinliest und weiterforscht oder sich irgendwann daran erinnert und sich entschließt genau in diesem Bereich studieren oder arbeiten zu wollen, dann herzlich Willkommen in unserer Welt (“it sucks, you gonna love it!”), wir haben gewonnen. Um zu erkennen, dass sich nicht jede der fundamentalen Fragen über life, the universe, and everything in einer lustigbunten Infografik oder einem süßen Bild mit Faultieren, einer Supernova und einem Zitat von Gandalf Gandhi Albert Einstein zusammenfassen lässt, ist ab sofort genug Zeit.

I fucking love science! ist ein Bekenntnis in einer verblödenden Welt und wir Nerds und Geeks und Wissenschaftler sollten uns glücklich schätzen, dass wir in unserem alltäglichen Kampf um Anerkennung (und den Drittmitteln, die damit einhergehen) von einer breiteren Öffentlichkeit gehört werden. Die Wissenschaft gehört uns allen und wer sind wir, dass wir uns anmaßen darüber zu urteilen, wer sie fucking lieben darf und wer nicht?

Man kann viel kritisieren an Seiten wie “Geeks are Sexy” (beispielsweise den implizierten Sexismus, dass nur ein Model mit einem Macbook das Geektum “sexy” und begehrenswert macht, oder aber im Umkehrschluss das nicht minder sexistische Oxymoron, dass “sexy” Models mit Macbooks per se keine Geeks sein können) und “I Fucking Love Science” (beispielsweise, dass “science” nicht nur aus Astronomie, Dinosauriern und the machine that goes bing! Dingen die BUMM! machen besteht) – aber dieser Artikel macht es sich viel zu einfach, zementiert noch einmal das Vorurteil der Arroganz und des Elitedenkens, das uns “G’studierten” ständig und von allen Seiten angelastet wird, und diskreditiert völlig grundlos diejenigen, die es wagen sich für etwas zu interessieren was sie nicht jahrelang im stillen Kämmerlein und bis ins kleinste Detail studiert und seziert haben.

(Und ja, übrigens, ich dumme kleine Geisteswissenschaftlerin wüsste ohne Facebook und Wikipedia nicht, was ein Higgs-Boson ist und warum man vor lauter Freude über die Entdeckung desselben begeistert im Kreis hüpfen sollte… und ich hätte mir bestimmt weder einen Physikwälzer noch eine Einführungsvorlesung im gruseligen Reich der Techniker und Naturwissenschaftler deshalb zu Gemüte geführt, aber Social Media sei Dank habe ich es gewagt mal über den Tellerrand zu hüpfen, und es hat gar nicht weh getan. Ich hab’s sogar verstanden, wahrscheinlich besser als mit einem ganz kleingedruckten Physikwälzer, weil ich eben nun mal kein Physiker bin.)

Dem Verfasser dieser Schmähschrift möchte ich abschließend nur noch eins auf den Weg mitgeben: Grow a fucking sense of humour!

One thought on “Fuck you, we fucking love science!

...and thanks for all the fish!

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