Rezension: Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele (1)

Ich hab’s ja grundsätzlich nicht so mit Hypes, aber der Lieblingsmensch wollte vor einiger Zeit unbedingt den Film schauen. Also haben wir den Film geschaut und ich fand ihn ziemlich, ziemlich gut – und das nicht nur wegen der unglaublich talentierten und mindestens ebenso unglaublich scharfen Jennifer Lawrence.😉 Nun stehe ich Literaturverfilmungen grundsätzlich eher skeptisch gegenüber, aber ich liebe und achte gut geschriebene Jugendliteratur, also musste ich die Bücher einfach haben, just because. Und was bietet sich besser an als ein verregneter Feiertag (Mariä Schulfrei, oder was auch immer das diesmal war …) um ihn gemütlich mit Jennifer Lawrence Katniss und Katze im Bett zu verbringen?

Die Grundidee, die hinter Panem steckt, finde ich faszinierend und beängstigend gleichzeitig. Dieses dystopische, postapokalyptische Land voller Härte und Segregation und extremem sozialem Ungleichgewicht, das unfassbare Gräueltaten nicht nur billigt sondern auch zum Gaudium der Massen (panem et circenses, Brot und Spiele, der Titel kommt nicht von ungefähr) auf Staatskosten austrägt und mit Moral wegzuargumentieren versucht – wow. Irgendwie fühlte ich mich immer und immer wieder an Die Welle von Morton Rhue erinnert (das war das mit dem Nazi-Experiment in einer Schulklasse, es ist recht verbreitet als Schullektüre soweit ich weiß), nur mit dem Unterschied, dass Panem keinen realen Hintergrund hat … aber es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass irgendwann bald alles so kommen könnte. Sind die Menschen wirklich so?

Das Buch liest sich rasch und flüssig, bleibt dabei ständig spannend – stellenweise musste ich den Kopf schütteln, stellenweise schlucken, stellenweise fast heulen. Es ist Science Fiction, die größtenteils ohne Science und Schnickschnack auskommt und trotzdem ein realistisches und vielschichtiges Universum erschaffen hat, über das ich gerne mehr erfahren hätte. Angenehm ist, dass es ohne diesen jugendbuchtypischen erhobenen Zeigefinger auskommt – man kann Panem auch nur als kurzweilige Abenteuergeschichte lesen ohne tiefer auf die Hintergründe einzugehen, aber wenn man möchte kann man sich selbst seine Gedanken dazu machen, denn erschütternd Nachdenklichmachendes gibt es vieles.

Katniss Everdeen ist eine tolle Protagonistin, ein selbstständiges und mutiges Mädchen das sich nie in die Opferrolle drängen lässt und trotzdem nicht wie eines dieser “schaut mal alle her, ich habe einen starken Frauencharakter erschaffen”-Klischees wirkt. Zuerst will sie nur ihre Familie und vor allem ihre kleine Schwester beschützen, dann kämpft sie im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben und darum ihre Identität nicht zu verlieren, und schließlich beginnt sie ganz unvorhergesehen die Welt zu verändern, und egal wie grausam und unmöglich alles zu sein scheint, sie verzagt nicht sondern macht einfach. Kurz und gut, Katniss ist cool! Was mir jedoch ein wenig gefehlt hat war der emotionale Tiefgang, gerade weil das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben war fand ich es schade, dass es so handlungsbezogen und wenig introspektiv war – einerseits passt das natürlich zu Katniss’ Charakter, andererseits macht es das dem Leser auch schwerer als nötig sich wirklich in sie hineinzuversetzen (besonders deutlich wurde das für mich bei den Schilderungen ihrer Kindheit und auch bei dem romantischen Hin und Her mit Peeta und Gale – ich konnte das alles zwar nachvollziehen, aber nicht wirklich mitfühlen).

Schon auf den ersten Seiten fiel mir der akribische Detailreichtum auf, mit dem das Buch in den Film übertragen wurde. Abgesehen von ein paar Kleinigkeiten (kaum relevante Dreizeilennebencharaktere, die alles nur verkompliziert hätten, und Hintergrundwissen, das im Film zwar andeutungsweise in den Raum gestellt aber nicht weiter elaboriert wurde) und Grauslichkeiten (hauptsächlich ein saufender und kotzender Haymitch, ‘murrica, f* yeah!, weil detailliertes Abschlachten war dann nicht so das Problem, gell ja …) wurde das Geschriebene beinahe wortwörtlich verfilmt. Das ist einerseits ganz wunderbar, andererseits machte es mir dieser Umstand extra-schwer ein hollywoodunabhängiges Kopfkino zu starten (der Lieblingsmensch rollte mit den Augen und sagte: “Dir kann man’s echt nie recht machen, sonst motzt du immer und bist ur enttäuscht, dass es viel zu viele Unterschiede gibt!” – und ja, wahrscheinlich hat er eh recht und ich sollte mich von jetzt bis in alle Ewigkeit von Literaturverfilmungen fern halten). Aber nachdem Jennifer Lawrence in diesem Kopfkino die Hauptrolle spielt, finde ich das jetzt nicht sooo dramatisch … eher im Gegenteil😉

Was mir leider weniger gut gefiel war die extrem simple, ich möchte fast sagen banal plumpe Sprache. Obwohl in Ich-Perspektive geschrieben wurde fiel es mir durch die knappen Sätze und die wenig einfühlsamen Beschreibungen ziemlich schwer, mich in das Geschehen wirklich hineinzuversetzen. Natürlich kann man da argumentieren, dass es ein Jugendbuch ist und dass es aus der Perspektive von Katniss erzählt wird, die als Jugendliche und Bewohnerin eines unterprivilegierten und bildungsfernen Distrikts sich vermutlich nicht besonders gewählt ausdrücken wird (sie erwähnt auch öfters den “affektierten Akzent” des Kapitols und nennt ihre eigene Sprechweise “rauh”) – mag sein, dass gerade das es besonders authentisch macht, aber für mich fehlt da einfach das gewisse Etwas an literarischer Schönheit. Egal ob es sich dabei um ein Jugendbuch oder ein “Erwachsenenbuch” handelt, für mich ist der sprachliche Ausdruck das ultimative Kriterium, das ein “ganz nettes” zu einem “wirklich guten” Buch macht – nur zwei Tage nach dem Lesen kann ich mich an keine einzige besonders schöne Formulierung und kein einziges denkwürdiges Zitat erinnern, was enorm schade ist. Andere Jugendbuchautorinnen wie z.B. Joanne K. Rowling, Judy Blume oder Astrid Lindgren schaffen das, Suzanne Collins bleibt da leider weit abgeschlagen zurück.

Insgesamt bleibt festzustellen: mit so ungefähr neun oder vielleicht auch noch mit elf Jahren wäre das ohne Frage mein absolutes Lieblingsbuch gewesen. Nur leider kann ich nicht zeitreisen und als Erwachsene begeistern mich die Filme mehr, weil ich auf Jennifer Lawrence stehe sie rein subjektiv mehr Atmosphäre vermitteln. Ich werde die beiden Folgebände trotzdem lesen – und wenn es nur ist, um dem Lieblingsmenschen (dem bekennenden Nichtleser, man stelle sich das vor!) zufleiß die gesamte Handlung des dritten Bands zu verraten bevor der Film rauskommt😉 – und dann einkellern, um sie für den Tag aufzuheben, an dem meine zukünftigen Neffs und Neffinnen so ungefähr neun oder vielleicht auch elf Jahre alt sind.

12 thoughts on “Rezension: Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele (1)

  1. Moin,

    dann melde ich mich auch mal wieder🙂
    Bis jetzt habe ich nur den Film zum Buch gesehen, da ich mit Ich-Form und vor allem dem Präsens als Erzählzeit bei längeren Werken so meine Probleme habe. Aber der Film war ganz gut🙂

    >Die Welle von Morton Rhue

    „Ihr wärt alle gute Nazis gewesen.“ kann gut sein, dass das auc hin und wieder als Schullektüre Verwendung findet, zumindest ich hab’s aber freiwillig gelesen.

    >Sind die Menschen wirklich so?

    Zumindest ich bin der Ansicht, dass Menschen schlimmer sein können, als die schlimmsten Romulaner. Aber so lange das Blutgespritze im TV nur auf Kunstblut beschränkt…😉
    Na ja, mal gucken, vielleicht werfe ich dann doch irgendwann mal einen Blick ins Buch.

    Grüße, Schafi95

    1. Ich behaupte mal, dass die sprachlichen Schwächen des Buches nicht oder zumindest nicht ausschließlich an der Erzählperspektive und dem Tempus festzumachen sind. Eigentlich finde ich eine personale Erzählform und auch den Präsens für so ein subjektives, handlungsbezogenes Buch sogar ganz passend …

      Der Film war ganz gut, ja – hat mir sogar besser gefallen als das Buch. Weil Jennifer Lawrence😉

      Wir haben “die Welle” in der Schule gelesen, oder den Film gesehen, Unterstufe Deutsch oder Geschichte, ist schon ziemlich lange her. Ich hab’ das Buch dann später nochmal gelesen, und es ist eins der beklemmendsten, angsteinflößenden Bücher überhaupt. Einfach weil es nicht nur romulanisches Kunstblut ist, sondern so unheimlich echt … mich schaudert.

      1. Es gibt sicher auch sehr gute Bücher, die in der Ich-Form und/oder im Präsens geschrieben sind – ich habe beim Lesen halt nur ein paar Problemchen, weil ich zu sehr an Vergangenheit und 3.-Person-Erzähler gewöhnt bin😉
        Jennifer Lawrence ist auch ganz eindeutig ein Grund, einen Film zu sehen *sabber*
        Ja, ich stimme dir zu, “Die Welle” ist tatsächlich so … erschreckend, weil die Handlung nicht nur so real wirkt, sondern auch den Eindruck macht, so einfach Realität werden zu können.

  2. Hab vor einiger Zeit auch den ersten Band gelesen (im Original) und fand ihn ziemlich gut – jedenfalls wesentlich besser als den Film. Den hab ich erst geguckt, nachdem ich das Buch gelesen hatte und war davon zielmlich enttäuscht. U.a. finde ich den Schauspieler, der Peeta spielt (ich komm gerade nicht auf den Namen), eine grandiose Fehlbesetzung – der geht gar nicht. Außerdem ist mir der Film zu reißerisch; diese angespannte Atmosphäre kam im Buch wesentlich besser rüber. Da bin ich wohl im Herzen ein Teenie und Jugendbuchliebhaber geblieben.😀

    1. Lustig, wie unterschiedlich man das wahrnehmen kann. Ich fand das Buch, wie gesagt, schwach im Vergleich zum Film – aber ich frage mich, ob ich das anders sehen würde, wenn ich das Buch zuerst gelesen hätte. So hat mir einfach sehr viel Kopfkino gefehlt.

      Den Schauspieler von Peeta fand ich übrigens auch nicht gerade überzeugend. Zu sehr Hollywood-Schönling irgendwie …

      1. Kann tatsächlich daran liegen, dass du erst den Film gesehen und ich erst das Buch gelesen habe. Ich habe mir z.B. Peeta beim Lesen immer als großen, kräftigen, fast etwas dicklichen Typen vorgestellt – und dagegen sah dieser Schauspieler im Film neben Jennifer Lawrence einfach nur schwächlich aus! Viel zu klein, viel zu dürr…nee, der geht gar nicht.

  3. Also mit 10 oder 11 hätten mir die Bücher bestimmt nicht so gut gefallen wie jetzt, was vielleicht auch an der Sprache liegen kann wie du beschrieben hast. Ich finde auch dass es fast schon zu sachlich war. Im ersten Band ist es mir jedoch nicht wirklich aufgefallen, im zweiten und dritten aber schon. Die fand ich etwas langwierig zum Lesen. Beim zweiten Band fand ich nur den Anfang etwas trocken. Da merkt man eben dass die Bücher in einer sprache, die zu simpel, fast schon langweilig geschrieben sind. Mit dem Dritten Buch der Reihe kam ich jedoch gar nicht zurecht. Den habe ich echt nicht gemocht, von Anfang bis Ende nicht. Das hat mich etwas enttäuscht, weil die ersten zwei ja doch recht gut waren. Aber ich will dir jetzt nicht die Leselust verderben. Man sollte es schon gelesen haben finde ich, allein wegen Katniss und Finnick (ein toller Charakter der im zweiten Band auftaucht <3) Viel spaß🙂

    1. Sachlich! Danke, das ist das Wort nach dem ich gesucht habe!🙂

      Finnick kenne ich ja schon aus dem Film, ich finde ihn und vor allem Johanna ziemlich cool. Bin jetzt in der Mitte des 2. Bandes, die Rezension kommt dann sobald ich fertig bin, und immer noch zwiegespalten ob ich die Bücher jetzt wirklich mag oder nicht … irgendwie kommt keine rechte Spannung auf. Meh.

      1. Ja johanna mag Ich auch. Also an sich find Ich die reihe gut, vor allem die Figuren. Aber ja der schreibstil macht mir erwas zu schaffen

  4. Schöne Rezension – kann ich echt nur unterschreiben. Ich fand die Bücher zwar auch sehr spannend, aber sprachlich ist Frau Collins nicht grad die Talentierteste. Daran ändert sich auch nix, wenn man das Ganze im Original liest. Und ein bissl vorhersehbar ist die Handlung leider auch. Was mich wirklich geärgert hat, war der Schluss von Band 3, aber lies selbst🙂

    1. Ad Original: Ich hatte es befürchtet – allerdings finde ich gerade kurze, knappe Sätze im Englischen für gewöhnlich weniger unschön oder zumindest erträglicher als im Deutschen, so von wegen Sprachmelodie usw – Hemingway vs. Thomas Mann, if you know what I mean …😉

      Hast Du die Bücher eigentlich auch rezensiert?

...and thanks for all the fish!

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