Monthly Archives: June 2014

Rezension: Quasikristalle

Ich liebe Eva Menasse schon seit Vienna, und seit den Lässlichen Todsünden noch wesentlich mehr. Die Frau kann erzählen, sie kann abstrahieren, sie kann auseinanderkletzeln und zusammenfügen und nachhaltig faszinieren. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich ihren neuen Roman endlich in den Händen gehalten habe.

“Erst kürzlich wurde entdeckt, dass es nicht nur Kristalle mit klar symmetrischer, sondern auch mit scheinbar ungeordneter Struktur gibt. Genauso verhält es sich mit dem Lebensweg: er ist verschlungen und unberechenbar und nur aus der Ferne als Ganzes erkennbar.”, sagt der Klappentext. Was genau so ein Quasikristall ist habe ich nicht ganz durchschaut, aber der Titel passt zu der Geschichte, die wie durch ein Kaleidoskop das facettenreiche Leben der Xane Molin beschreibt, es splittert mit jeder Drehung und fügt sich zu einem neuen, einzigartigen Muster wieder zusammen, es liegt wenn auch nicht immer offensichtlich im Auge des Betrachters.

Die Erzählperspektive ist interessant, um nicht zu sagen innovativ: jedes der dreizehn Kapitel erzählt eine andere Epoche in Xanes Leben, doch niemals aus Xanes Perspektive. Erzähler sind die Jugendfreundin, der Vermieter, die Ärztin, die pubertäre Stieftochter und viele andere mehr, manche kennen sie besser und andere nur flüchtig, manche lieben sie und andere können sie nicht leiden, manche bewundern sie und andere durchschauen sie; manchmal wirkt es fast so als sei Xane nicht die Protagonistin sondern spiele nur eine mal mehr und mal weniger signifikante Nebenrolle, als sei sie Statistin im Leben der anderen. Und doch lernen wir durch diese Herangehensweise, die erst einmal befremdlich scheint und doch ein stilistischer Kunstgriff der typisch für Eva Menasse ist (Lässliche Todsünden war ähnlich aufgebaut, wie ein subtiles Puzzle), Xane besonders gut kennen, intensiver und vielseitiger. Es ist dieses Spiel von Distanz und Nähe, das mich an der Geschichte besonders fasziniert.

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Zwischendurch Cat Content

Grmpf. Momentan komme ich zu gar nichts, das Real Life hat mich fest im Griff was einerseits ziemlich mühsam und andererseits auch ganz fabelhaft ist. Aber ich habe nicht auf diesen Blog vergessen … als Lückenfüller gibt’s Cat Content (denn ganz ehrlich, wer kann zu Cat Content schon Nein sagen?) – hier die Prinzessin der Tribbles gemeinsam mit unserer kompletten Star Trek DVD-Sammlung, lazing on a Sunday afternoon …

Montagsfrage: Sommerbuch

Nina vom Libromanie-Blog fragt diesen Montag:

Was ist dein liebstes Sommerbuch?

Ganz klar: Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan (Vi på Saltkråkan). Es ist ein Kinderbuch, das ich zum ersten Mal etwa im Volksschulalter gelesen habe und das mich seither begleitet hat. Ich habe es immer und immer wieder gelesen, es ist nämlich wie ich finde das “erwachsenste” ihrer Bücher – es erzählt die unbeschwerte Inselidylle eines Kindersommers, poetisch und sehnsuchtsvoll, ich könnte mich darin verlieren und ach! wie gerne würd’ ich jetzt in Schweden sein … (zwanzig Tage noch, yippee yeah!)

Außerdem: Thomas Manns Zauberberg. Ich verstehe ja die Tendenz nicht, im Sommer lieber Seichtes zu lesen, gerade dann habe ich den Kopf völlig frei um mich in anspruchsvolle Bücher wirklich zu vertiefen. Der Zauberberg wird mich für immer an einen legendären Sommer mit meiner besten Freundin (die ich auf einem Zauberberg, wenn auch einem anderen, kennen gelernt habe) erinnern, fast zehn Jahre ist das jetzt her, unterwegs irgendwo zwischen Paris und Barcelona und beide haben wir Mann und Irving gelesen … schön war das.

Der kommende Sommer jedoch wird viele Bücher haben … in erster Linie Màxim Huertas La noche soñada und John Irvings In One Person, denke ich.

Und Ihr, liebe Leserleins? Was lest Ihr übern Sommer, was sind Eure Sommerbücher?

Rezension: In the Land of Invented Languages

“In the Land of Invented Languages” – der Titel klingt fast so, als sei es ein Reiseführer. Der Untertitel verspricht Adventures in Linguistic Creativity, Madness and Genius, der Klappentext Esperanto rock stars, Klingon poets, Loglan lovers, and the mad dreamers who tried to build a perfect language. Arika Okrent ist Linguistin und Psychologin und außerdem eine sachkundige, unprätentiöse, eloquente und witzige Reiseführerin in diesem metaphorischen Land. Und ja – das Buch ist tatsächlich aufgebaut wie eine Reise durch Jahrhunderte (denn “erfundene Sprachen”, öfters auch “konstruierte Sprachen”, “Plansprachen” oder auch “Conlangs” genannt sind kein Phänomen des modernen Geektums sondern datieren zurück bis ins Mittelalter) und diverse Sprachen und Kulturen, die erfundenen wie die realen und auch die wechselseitigen und die dazwischen.

Ich muss dazu sagen, ich bin Sprachwissenschaftlerin und war mir deshalb nicht sicher, was ich von diesem Buch erwarten sollte. Ich bin nämlich keine von diesen dogmatischen, überanalytischen Syntaxfanatikern, die Sprache als völlig losgelöstes, beinahe technisches System begreifen, und alles was mit “Phon-“ beginnt löst in mir unweigerlich Fluchtreflexe aus. Dementsprechend hatte ich fast schon Angst vor seitenweisen Traktaten, die ich schon nach “Einführung in die Generative Grammatik” und “Morphosyntax I” schnellstmöglich wieder verdrängt habe – und wurde positiv überrascht, denn selbst an den Stellen, wo die grammatischen Besonderheiten der verschiedenen Sprachen erläutert werden, geht das ohne selbstverliebt mit fachchinesischer Onanie zu langweilen. Arika Okrent konzentriert sich weniger auf die theoretische Konstruktion der konstruierten Sprachen als auf die zugrundeliegenden Weltanschauungen und die vielseitigen Motivationen der Konstrukteure. Die Reise in das Land der erfundenen Sprachen ist ihre ganz persönliche Reise, und sie nimmt uns dorthin mit, lässt uns teilhaben an ihren Entdeckungen und Erfolgen und auch an ihren Vorurteilen und Rückschlüssen.

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Rezension: Fic. Why Fanfiction Is Taking Over The World.

Verzeiht, dass der Fanfictionfreitag ausnahmsweise auf Samstag verschoben wurde – dafür gibt’s die Rezension jetzt kohärent und ohne Rechtschreibfehler 😉

Ich liebe die Metaebene … und deswegen lese (und schreibe) ich nicht nur Fanfiction, sondern ich lese (und schreibe) auch über Fanfiction. Das sehr aktuelle Buch mit dem ebenso schlichten wie einprägsamen Titel fic (Smartpop, Dallas, 2013) steht schon seit seiner Erscheinung auf meiner Wunschliste und seit kurzem auch im Regal. Besonders neugierig war ich auf die Beantwortung der Frage, ob und warum Fanfiction die Weltherrschaft übernimmt … also dann, allons-y!

Die Autorin, Anne Jamison (Professorin für Englische Literatur an der Universität Utah und außerdem aktiv auf Tumblr), schafft sowohl stilistisch wie auch inhaltlich einen wirklich bewundernswerten Spagat. Über weite Strecken liest sich das Buch wie ein amüsant geschriebener Blogpost oder Forenbeitrag in einem erfrischenden Plauderton, und trotzdem werden die zugrundeliegenden Themen weitestgehend seriös und fundiert behandelt.  Wer sich also für das Thema “Geschichte und Theorie der Fanfiction” interessiert aber keine Lust auf trockene und fremdwortlastige wissenschaftliche Traktate hat, wer neues Wissen erwerben möchte aber auf Belehrungen von oben herab lieber verzichten würde (beides kann ich übrigens absolut nachvollziehen!), der ist hier genau richtig.

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Ich konsumiere, also bin ich Geek?

Kürzlich hatte ich Geburtstag und wurde anlassbezogen mit Geschenken und in buntes Papier eingewickelter Liebe überhäuft – und ich habe mich riesig gefreut, vor allem über River Songs Journal, denn ich habe eine ausgeprägte Leidenschaft für hübsche Notizbücher. Andererseits hat es mich auch sehr nachdenklich gemacht, denn ich versuche schon seit längerem bewusst(er) und nachhaltig(er) zu konsumieren und mein persönliches Glück nicht (mehr) allzusehr an materielle Dinge zu hängen, versuche mein Geld nur für wirklich Relevantes und Qualitatives, und vor allem für Erlebnisse statt Zeugs auszugeben. Ich würde zwar (noch) nicht so weit gehen mich “Minimalistin” zu nennen, und ich bin auch ziemlich undogmatisch und entspannt in der Hinsicht, aber es ist ein inspirierender Weg dorthin, der mich immer wieder daran erinnert was wirklich wichtig ist.

Auf der anderen Seite steht meine Identität als Geek – und seien wir uns ehrlich, diese ganze Subkultur der Fandoms basiert in allererster Linie auf Konsumismus. Wir konsumieren nicht nur das Primärmedium – den Film, die Serie, oder was auch immer es sein mag – sondern auch ein ganzes millionenschweres Franchise an glitzernden Merchandisingartikeln und hochstilisiertem Habenwollen dazu. Da können noch so viele Studien beweisen, dass wir Geeks üblicherweise höher gebildet und sozial bewusster sind als der Durchschnitt der Gesellschaft, aber wir sind immer noch Jäger&Sammler und Pawlows blöde Köter sind unbarmherzig also mutieren wir bereitwillig zum Äquivalent von Teeniegören die mit Papis Kreditkarte in einem Shoppingcenter losgelassen werden wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Ich nehme mich da nicht aus, ich will alles haben was cool ist – sei es die neueste Jubiläumsedition-Bluray einer alten Serie mit dreieinhalb Minuten mehr Bonusmaterial, seien es humorige T-Shirts mit Sprüchen aus Game of Thrones, seien es völlig nutzlose Scherzartikel wie Pizzaschneider in Form der Enterprise, seien es völlig beliebige Sachen die aussehen wie eine TARDIS, kurzfristig setzt mein Verstand aus und ich hyperventiliere voll Begeisterung. Und dann schaudert es mich, weil es mir vor mir selbst graust.

Wir kritisieren ebenso regelmäßig wie selbstgerecht den Mainstream, der viel zu viel Wert auf Marken-Dies und Statussymbol-Jenes legt, hauptsache cool und fesch und teuer, aber sind wir da so viel anders oder gar besser?

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Montagsfrage: Am Stück oder häppchenweise?

Alle Montage wieder stellt der LiBROMANIE-Blog die Montagsfrage, die ich auch diese Woche gerne wieder beantworten möchte. Irgendwie mag ich diese Aktion! 🙂

Lesen: lieber am Stück oder häppchenweise?

Wenn ich es mir aussuchen kann, lieber “am Stück”. In ein gutes Buch muss ich mich einfach vertiefen können, ich muss in die Welt des Buches völlig eintauchen können, muss mich der Handlung und dem Ambiente ungestört hingeben können. Immer nur ein paar Seiten in der Straßenbahn und zwischendurch lesen, das kann ich gar nicht, das macht mich ganz wahnsinnig. Ich bin jemand, der schon mal faucht wenn man mich wegen Unnötigem beim Lesen stört und der, wenn das Buch richtig gut ist, auch einfach mal die Zeit und alles Drumherum vergessen kann … also nehme ich mir bewusst ausreichend Zeit zum Lesen, alles unter einer Stunde ist indiskutabel – dafür habe ich auch (meist) kein Problem damit, wenn ich mal tagelang nicht zum Lesen komme, weil die Umstände nicht passen.

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