Rezension: Fic. Why Fanfiction Is Taking Over The World.

Verzeiht, dass der Fanfictionfreitag ausnahmsweise auf Samstag verschoben wurde – dafür gibt’s die Rezension jetzt kohärent und ohne Rechtschreibfehler😉

Ich liebe die Metaebene … und deswegen lese (und schreibe) ich nicht nur Fanfiction, sondern ich lese (und schreibe) auch über Fanfiction. Das sehr aktuelle Buch mit dem ebenso schlichten wie einprägsamen Titel fic (Smartpop, Dallas, 2013) steht schon seit seiner Erscheinung auf meiner Wunschliste und seit kurzem auch im Regal. Besonders neugierig war ich auf die Beantwortung der Frage, ob und warum Fanfiction die Weltherrschaft übernimmt … also dann, allons-y!

Die Autorin, Anne Jamison (Professorin für Englische Literatur an der Universität Utah und außerdem aktiv auf Tumblr), schafft sowohl stilistisch wie auch inhaltlich einen wirklich bewundernswerten Spagat. Über weite Strecken liest sich das Buch wie ein amüsant geschriebener Blogpost oder Forenbeitrag in einem erfrischenden Plauderton, und trotzdem werden die zugrundeliegenden Themen weitestgehend seriös und fundiert behandelt.  Wer sich also für das Thema “Geschichte und Theorie der Fanfiction” interessiert aber keine Lust auf trockene und fremdwortlastige wissenschaftliche Traktate hat, wer neues Wissen erwerben möchte aber auf Belehrungen von oben herab lieber verzichten würde (beides kann ich übrigens absolut nachvollziehen!), der ist hier genau richtig.

Jamison geht in chronologischer Reihenfolge auf die Geschichte – um nicht zu sagen: die Evolution – der Fanfiction von kurz nach früher bis jetzt ein: von den alten Griechen über Shakespeare und den Brontë-Schwestern bis hin zu heutigen mediengesteuerten popkulturellen Massenphänomenen; von mühsam maschingeschriebenen und zusammengeklebten und handkopierten Fanzines über die Anfänge des Internets mit Usenet und Mailinglisten und anderen Dingen die wir längst verdrängt haben bis in die so selbstverständlich demokratische und interaktive Jetztzeit des Web 2.0s. Jamison gibt hier anhand zahlreicher Beispiele einen übersichtlichen und profund recherchierten Überblick, der auchIch finde es faszinierend, diese frappante Entwicklung und die (vor allem technischen) Medienumbrüche nachzuverfolgen – vor allem wenn man bedenkt, dass manche Fandoms diese gesamte Zeit überdauert haben und die Begeisterung der Fans nach wie vor nicht nachlässt und sich nur die Art der Partizipation verändert (wie beispielsweise Sherlock Holmes, Erstveröffentlichung 1887 und heute dank der BBC beliebter denn je!).

Literaturwissenschaftliches Basiswissen wird nicht vorausgesetzt und man muss auch kein Fan oder Fanfictionschreiber sein um dieses Buch lesen zu können – aber es hilft ungemein. Es werden diverse Fandoms besprochen und als Beispiele genannt, und ich muss ehrlich gestehen: auch wenn fast ausschließlich “Mainstream-(Mega-)Fandoms” angesprochen wurden (Sherlock Holmes, Harry Potter, Twilight, Buffy, etc.) ich kannte bei weitem nicht alle, und die meisten nicht so intensiv wie jemand der so richtig im betreffenden Fandom unterwegs ist … dennoch fand ich fast alles interessant, auch wenn ich über manche Stellen eher drübergelesen habe als mich wirklich zu vertiefen, einfach weil ich mit dem betreffenden Fandom gar nichts anfangen kann. Schade fand ich nur, dass Fanfiction im Kontext dieses Buches fast ausschließlich an Romanzen und Verkupplungen der Protagonisten (egal ob Het oder Slash) festgemacht wurde, und die stiefmütterlich behandelte Kategorie Gen (“general”, also Geschichten ohne signifikante Romanzen, oft “neue Abenteuer” im bekannten Universum oder Weiterentwicklungen desselben) einmal wieder völlig übersehen wurde.

Das Buch ist geprägt von enorm vielen Gastbeiträgen, die viele verschiedene Aspekte zum Thema Fanfiction beleuchten: zu Wort kommen beispielsweise der Autor und Literaturjournalist/-kritiker Lev Grossman, die Sci-Fi-Autorin Jacqueline Lichtenberg in ihrer Funktion als Star-Trek-Chronistin, die Universitätsprofessorin Francesca Coppa, eine der Schlüsselfiguren hinter OTW (der Organisation, die das allgegenwärtige Archive Of Our Own betreibt), eine Rechtsanwältin die sich auf Urheberrecht spezialisiert und selbst ein kreierender Fan ist, sowie etliche Autor_innen der diversesten Genres, die ihre persönliche Beziehung zum Fandom und zum Schreiben erläutern und sogar Schreibtipps geben. Das gibt dem Buch eine sehr subjektive und vielseitige Perspektive, was ich einerseits sehr ansprechend (schließlich wird das Fandom ja von einer Community angetrieben und spricht nicht mit einer Stimme!) und andererseits etwas unübersichtlich finde.

Anhand dieser Beispiele wurden diverse drängende Fragen erläutert, besonders interessant fand ich die Beiträge zur Rolle von Frauen im Fandom, zu Rassismus und Cultural Appropriation (geschrieben von zwei Fans aus Indien), zu Themen wie Geistiges Eigentum und Interaktion zwischen den Erschaffern und ihren Fans. Allerdings fehlte mir oft eine neutrale oder gar kritische Auseinandersetzung mit den behandelten Themen, gerade durch die vielen Gastbeiträge empfand ich das Buch eher als eine Kollektion von Essays als eine ernsthafte akademische Lektüre.

Die Herangehensweise an ein Buch wie dieses ist immer so eine Sache. Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass die Zielgruppe unklar ist: sind es Fans und aktive Schreiber, die sich auch für die Metaebene interessieren (so wie ich)? Sind es Außenstehende und “Laien”, denen man erst mal erklären muss, was eine Fanfic und wer Harry Potter überhaupt ist? Sind es Studenten der Literaturwissenschaft, die ein neues Genre kennen lernen und analysieren soll? Diese Ambivalenz macht das Buch streckenweise irrsinnig mühsam zu lesen: teils verzettelt man sich in ganz spezifische Insider-Details eines Fandoms oder eines konkreten Ereignisses; teils schüttelt man den Kopf über banale Redundanzen und den oft sehr defensiven Tonfall (als müsste man immer und immer wieder die Fanfiction verteidigen und betonen, dass das nicht nur das klischeetriefende und rechtschreibfehlerstrotzende Werk von hyperventilierenden Teenies und gelangweilten Hausfrauen ist); teils muss man sich wundern, warum in einem Werk über Fanfiction doch das traditionelle Verlagswesen zelebriert wird und Autoren die nach einer langen “Karriere” als Fanfictionschreiber Original-Fiction oder à la “Fifty Shades of Grey” (ehemals pornöse Twilight-Fanfiction, später dann der neue Hype trotz ohne Vampire) zur Original-Fiction umgewandelte Fanfiction – “Just change the names!”, wird da empfohlen – publiziert haben gewissermaßen als Krone der Schöpfung gefeiert werden.

Insgesamt bleibt festzustellen: Ich habe das Buch sehr gern gelesen, und es hat mir viele neue und wichtige Einblicke und Denkanstöße gegeben – auch wenn man nicht alles unbedingt total ernst nehmen sollte. Leider bleibt die titelgebende Frage offen, ob Fanfiction die Weltherrschaft übernehmen wird.

3 thoughts on “Rezension: Fic. Why Fanfiction Is Taking Over The World.

  1. Interessant zu sehen, dass es ein Buch über Fanfictions gibt. Nachdem ich mich bei Stefan Bollmanns “Frauen und Bücher” geärgert habe, das im Kapitel zu FFs letztlich nur die negativen Seiten beleuchtet wurden, klingt das mal ein wenig ausgewogener. Geht doch😉

...and thanks for all the fish!

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