Rezension: Quasikristalle

Ich liebe Eva Menasse schon seit Vienna, und seit den Lässlichen Todsünden noch wesentlich mehr. Die Frau kann erzählen, sie kann abstrahieren, sie kann auseinanderkletzeln und zusammenfügen und nachhaltig faszinieren. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich ihren neuen Roman endlich in den Händen gehalten habe.

“Erst kürzlich wurde entdeckt, dass es nicht nur Kristalle mit klar symmetrischer, sondern auch mit scheinbar ungeordneter Struktur gibt. Genauso verhält es sich mit dem Lebensweg: er ist verschlungen und unberechenbar und nur aus der Ferne als Ganzes erkennbar.”, sagt der Klappentext. Was genau so ein Quasikristall ist habe ich nicht ganz durchschaut, aber der Titel passt zu der Geschichte, die wie durch ein Kaleidoskop das facettenreiche Leben der Xane Molin beschreibt, es splittert mit jeder Drehung und fügt sich zu einem neuen, einzigartigen Muster wieder zusammen, es liegt wenn auch nicht immer offensichtlich im Auge des Betrachters.

Die Erzählperspektive ist interessant, um nicht zu sagen innovativ: jedes der dreizehn Kapitel erzählt eine andere Epoche in Xanes Leben, doch niemals aus Xanes Perspektive. Erzähler sind die Jugendfreundin, der Vermieter, die Ärztin, die pubertäre Stieftochter und viele andere mehr, manche kennen sie besser und andere nur flüchtig, manche lieben sie und andere können sie nicht leiden, manche bewundern sie und andere durchschauen sie; manchmal wirkt es fast so als sei Xane nicht die Protagonistin sondern spiele nur eine mal mehr und mal weniger signifikante Nebenrolle, als sei sie Statistin im Leben der anderen. Und doch lernen wir durch diese Herangehensweise, die erst einmal befremdlich scheint und doch ein stilistischer Kunstgriff der typisch für Eva Menasse ist (Lässliche Todsünden war ähnlich aufgebaut, wie ein subtiles Puzzle), Xane besonders gut kennen, intensiver und vielseitiger. Es ist dieses Spiel von Distanz und Nähe, das mich an der Geschichte besonders fasziniert.

Ich musste bei jedem neuen Kapitel kurz pausieren und reflektieren und dann die Orientierung wiederfinden, denn die Sprünge waren eben durch diese Perspektivenwechsel groß – doch gerade das machte das Buch für mich so fesselnd. Xane ist vieles im Laufe ihres Lebens (Tochter, Freundin, Geliebte, Studentin, Chefin, Ehefrau, Mutter – so wie wir alle, wahrscheinlich) aber sie ist keine Heldin, das Buch ist wie ein Mosaik, eins von diesen surrealistischen Gemälden, das erst aus der Entfernung betrachtet ein vollständiges Bild ergibt. Vor allem bietet es auch nachvollziehbar tiefgreifende und gut recherchierte Einblicke in Biographien, die nicht Xanes sind (und dann doch wieder, irgendwie) – manche sind erschütternd und rührend, wie die von Sally und vor allem Nelson, andere interessant, wie die der Reproduktionsmedizinerin und des Historikers in Auschwitz. Ein Leben macht eben viele Stationen und Eva Menasse beobachtet und beschreibt diese Stationen – seien es Orte, seien es verschiedene soziale Umfelder – sehr treffsicher.

Ein Kapitel habe ich jedoch absolut nicht kapiert, nämlich das vorletzte. Falls hier jemand hineinstolpert der das Buch schon gelesen hat und mir erklären kann, wer Shanti ist und wie sie mit Xane zusammenhängt wäre ich unheimlich dankbar. Ich stehe da auch nach dem zweiten Mal lesen total auf der Leitung.😉

Ernüchtert hat mich leider das Ende, das sich liest wie ein fehlgeschlagenes stilistisches Experiment. Ich mag Eva Menasses Art zu schreiben so gerne, fließend und poetisch, doch das letzte Kapitel, das Xanes mittlerweile erwachsenem Sohn gehört, tanzt da völlig aus der Reihe: seine Geschichte wird nicht erzählt, sondern in der Form von E-Mails an die Mutter dargestellt. Es passt zwar irgendwie zu seinem Charakter, und wahrscheinlich hätte es mich auch gar nicht gestört stünde das Kapitel irgendwo zwischendrin, aber als sozusagen “krönender Abschluss” eines großartigen Werks wirkt es unbefriedigend und seltsam deplatziert.

Die Geschichte oszilliert ständig zwischen Wien und Berlin, was Eva Menasses Sprachmelodie unüberhörbar einfängt. Als eingefleischte Wienerin fühle ich mich heimisch in ihren Worten, die angedeuteten Schauplätze materialisieren sich vor meinem inneren Auge, die spitzfindig beschriebenen Namen und Manierismen sind vertraut, die Charaktere kenne ich irgendwie ohne dass sie allzu stereotyp würden, denn so sind die Wiener, hin und wieder musste ich schmunzeln weil ich mich ertappt fühlte oder etwas wiedererkannt habe was ich für unterbewusst gehalten hatte, der Tonfall trifft’s auf den Punkt. Wer kein Hiesiger ist und ein modernes, authentisches, unverkitschtes, literarisches Wien kennen lernen möchte, dem kann ich Quasikristalle (wie auch die anderen Bücher Menasses, vor allem Vienna) sehr ans Herz legen! – Was Berlin angeht bin ich mir nicht sicher, denn ich kenne Berlin nicht wirklich, aber demnächst reist das Buch weiter zu meiner lieben Freundin Frau von Saltkrokan und ich bin schon unheimlich gespannt was sie zur Berliner Perspektive, zur Repräsentation ihrer Wahlheimat, zu sagen hat.

Insgesamt bleibt festzustellen: ich freue mich schon auf Eva Menasses nächstes Buch.

Post Scriptum: Ich habe lang nachgedacht, ob diese Rezension überhaupt hierher passt, schließlich ist das nicht unbedingt ein “Buch für Geeks” und passt so gar nicht zu dem was der Blogtitel verspricht – keine Zeitreisen, keine Raumschiffe, keine Fabelwesen – und dann dachte ich mir, was soll’s. Ich bin eben ein Buchnerd und deshalb werde ich in Zukunft auch Rezensionen von nicht-geekigen Büchern hier veröffentlichen. Ich nehme mal an, Ihr habt nichts dagegen.

In diesem Sinne, liebe Grüße aus meiner Sommerresidenz im Schafbergbad, und viel Spaß beim Lesen und Leben!🙂

One thought on “Rezension: Quasikristalle

  1. Da Sie das Buch so toll und schlüssig finden… können Sie mir helfen, wer die Person “Shanti” in Kapitel 12 ist?? Für mich taucht die völlig unvermittelt auf und – das schlimmste – ihre Geschichte wird überhaupt nicht fertig erzählt, wie so einige andere in dem Buch – dann das offene Ende – ist wie coitus interruptus. War nach dem Lesen total enttäuscht, weil der Beginn gut war, Frau Menasse dann aber offenbar zum Abgabetermin gepfuscht hat und das Buch irgendwie krampfhaft fertigbekommen wollte mit irgendwelchen unvermittelten Charakteren…oder habe ich die Handlung nicht verstanden? Kann mir wer bitte helfen?

...and thanks for all the fish!

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