Category Archives: Wissenschaft

Rezension: In the Land of Invented Languages

“In the Land of Invented Languages” – der Titel klingt fast so, als sei es ein Reiseführer. Der Untertitel verspricht Adventures in Linguistic Creativity, Madness and Genius, der Klappentext Esperanto rock stars, Klingon poets, Loglan lovers, and the mad dreamers who tried to build a perfect language. Arika Okrent ist Linguistin und Psychologin und außerdem eine sachkundige, unprätentiöse, eloquente und witzige Reiseführerin in diesem metaphorischen Land. Und ja – das Buch ist tatsächlich aufgebaut wie eine Reise durch Jahrhunderte (denn “erfundene Sprachen”, öfters auch “konstruierte Sprachen”, “Plansprachen” oder auch “Conlangs” genannt sind kein Phänomen des modernen Geektums sondern datieren zurück bis ins Mittelalter) und diverse Sprachen und Kulturen, die erfundenen wie die realen und auch die wechselseitigen und die dazwischen.

Ich muss dazu sagen, ich bin Sprachwissenschaftlerin und war mir deshalb nicht sicher, was ich von diesem Buch erwarten sollte. Ich bin nämlich keine von diesen dogmatischen, überanalytischen Syntaxfanatikern, die Sprache als völlig losgelöstes, beinahe technisches System begreifen, und alles was mit “Phon-“ beginnt löst in mir unweigerlich Fluchtreflexe aus. Dementsprechend hatte ich fast schon Angst vor seitenweisen Traktaten, die ich schon nach “Einführung in die Generative Grammatik” und “Morphosyntax I” schnellstmöglich wieder verdrängt habe – und wurde positiv überrascht, denn selbst an den Stellen, wo die grammatischen Besonderheiten der verschiedenen Sprachen erläutert werden, geht das ohne selbstverliebt mit fachchinesischer Onanie zu langweilen. Arika Okrent konzentriert sich weniger auf die theoretische Konstruktion der konstruierten Sprachen als auf die zugrundeliegenden Weltanschauungen und die vielseitigen Motivationen der Konstrukteure. Die Reise in das Land der erfundenen Sprachen ist ihre ganz persönliche Reise, und sie nimmt uns dorthin mit, lässt uns teilhaben an ihren Entdeckungen und Erfolgen und auch an ihren Vorurteilen und Rückschlüssen.

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Rezension: Fic. Why Fanfiction Is Taking Over The World.

Verzeiht, dass der Fanfictionfreitag ausnahmsweise auf Samstag verschoben wurde – dafür gibt’s die Rezension jetzt kohärent und ohne Rechtschreibfehler 😉

Ich liebe die Metaebene … und deswegen lese (und schreibe) ich nicht nur Fanfiction, sondern ich lese (und schreibe) auch über Fanfiction. Das sehr aktuelle Buch mit dem ebenso schlichten wie einprägsamen Titel fic (Smartpop, Dallas, 2013) steht schon seit seiner Erscheinung auf meiner Wunschliste und seit kurzem auch im Regal. Besonders neugierig war ich auf die Beantwortung der Frage, ob und warum Fanfiction die Weltherrschaft übernimmt … also dann, allons-y!

Die Autorin, Anne Jamison (Professorin für Englische Literatur an der Universität Utah und außerdem aktiv auf Tumblr), schafft sowohl stilistisch wie auch inhaltlich einen wirklich bewundernswerten Spagat. Über weite Strecken liest sich das Buch wie ein amüsant geschriebener Blogpost oder Forenbeitrag in einem erfrischenden Plauderton, und trotzdem werden die zugrundeliegenden Themen weitestgehend seriös und fundiert behandelt.  Wer sich also für das Thema “Geschichte und Theorie der Fanfiction” interessiert aber keine Lust auf trockene und fremdwortlastige wissenschaftliche Traktate hat, wer neues Wissen erwerben möchte aber auf Belehrungen von oben herab lieber verzichten würde (beides kann ich übrigens absolut nachvollziehen!), der ist hier genau richtig.

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Fanfictionfreitag: Boldly Writing

Wenn mir wirklich langweilig ist – meistens so gegen drei Uhr früh und irgendwo zwischen müde und blöd – lese ich Papers und / oder verlaufe mich in der Wikipedia. Kürzlich habe ich einen wirklich interessanten Fund dabei gemacht:

Verba, Joan M.: Boldly Writing. A Trekker Fan and Zine History, 1967-1987. FTL, 1996/2003.

Dabei handelt es sich um einen beinahe allumfassenden Überblick über die Geschichte des Star Trek Fandoms und vor allem der Fanfiction und einen Einblick in das Leben und die Gedankengänge der “Fans der ersten Stunde”, die keine Mühen gescheut haben das Franchise zuerst zu retten und dann zu popularisieren. Heutzutage geht Fan-Sein ja relativ einfach, dank einer breiten Auswahl an Diskussionsforen, Blogs, Fanfic-Portalen, Tumblr & Co. – das war aber nicht immer so, und deshalb ist es umso wichtiger zu betonen, welche tragende Rolle diese Frauen (denn es waren hauptsächlich Frauen beteiligt) für das Fandom gespielt haben und bis heute spielen. Von einem literaturhistorischen und popkulturellen Standpunkt eine wirklich spannende Lektüre – vor allem, da gerade das Star Trek-Franchise viel dazu beigetragen hat, incl. die Erfindung der allgegenwärtigen Mary Sue durch Paula Smith – und sie macht richtig Lust darauf, auf die Jagd nach Fanzines und in alten Geschichten graben zu gehen.

Und das Coolste dabei? Das eBook / PDF ist frei zugänglich: Link hier! 🙂


P.S: Dieses Werk bezieht sich ausschließlich auf das amerikanische / englischsprachige Fandom. Falls jemand einen Dachschaden in ausreichender Größe Lust und Zeit hat, etwas vergleichbares für den deutschsprachigen Raum auf die Beine zu stellen … Ihr wisst ja, wo Ihr mich findet, ich bin sofort dabei. 😉

Fuck you, we fucking love science!

Eine entfernte Über-drei-Ecken-Bekannte von vor ungefähr tausend Jahren Facebook-Freundin hat vor ein paar Tagen einen Link zu einem Artikel gepostet, der mich wirklich ziemlich grantig gemacht hat: You’re not a nerd, geeks aren’t sexy and you don’t ‘fucking love science‘!” wird dort ebenso polemisch wie herablassend behauptet. Mag sein. Ich frage mich nur, ob dieser abscheuliche Grad an Verachtung angemessen oder angebracht ist. Meiner bescheidenen Meinung nach: nein, nein, und nochmals nein!

Gerade wir Nerds, Geeks und Wissenschaftler haben in der breiten Öffentlichkeit mit einem massiven Imageproblem zu kämpfen, und ebenso mit Nachwuchssorgen in einem Zeitalter in dem von allen Seiten der brain drain unserer Gesellschaft lamentiert wird. Wir sollten also heilsfroh über und dankbar für jede Initiative sein, die ein Fürsprecher und positiver Multiplikator für “unsere Sache” ist. Ich wage zu behaupten, dass authentische und witzige Facebookseiten da wesentlich mehr bewegen als die Infoflyer perfekt durchgestylter Kampagnen der diversen zuständigen Ministerien, aus denen zu Tode gelangweilte Gymnasiasten sowieso nur Papierflieger falten, und die gut gemeinten Artikel und Reportagen in den Qualitätsmedien, den konservativ-bildungsbürgerlichen wie auch den linksliberal-intellektuellen, unter die die anonyme Meute der Kommentatoren mit Freizeitüberschuss dann “was soll denn der schaas schowieda is ja ur unnötig und dafür hau ma das geld beim fenster auße? das sind meine steuern oida!!!” rotzen kann…

Vom Elfenbeinturm aus auf das Fußvolk ‘runterpinkeln ist einfach. Sich daran zu erinnern, dass auch wir als Nerds, Geeks und Wissenschaftler nicht zwingend die Weisheit für uns gepachtet haben und auch nicht immer schon dort waren wo wir jetzt sind (oder gerne wären), fällt manchen ganz offensichtlich etwas schwerer.

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Rezension: Die Philosophie bei Star Trek

Philosophie ist eine dieser Disziplinen, die mich immer schon fasziniert haben und über die ich trotzdem noch viel zu wenig weiß. Wie bei den meisten begann das wohl irgendwann mit Sofies Welt und begleitete mich durch die Schule, das Studium und unzählige Bücher. Die Kombination von Philosophie und Star Trek finde ich überaus faszinierend, und passend, denn die Serie wirft im Laufe der Zeit so viele existentielle und philosophische Fragen auf, dass ich so oft Pausen machen musste, um meine Gedanken zu ordnen und so manche Nacht nicht geschlafen habe, weil mich diese oder jene hitzige Grundsatzdiskussion davon abgehalten hat. Ein Buch darüber schien wie für mich gemacht zu sein, also habe ich es gekauft, als potentielle Antwort auf all meine Fragen, und als neuer Denkanstoß für all meine weiteren Überlegungen.

Fasziniert – und ja, ich weiß, Spock sagt dauernd “faszinierend!” und jeder der in seinem Leben auch nur eine einzige Folge Star Trek geschaut hat kichert kindisch dabei – hat mich auf den ersten Blick das Inhaltsverzeichnis. Kapitelüberschriften wie “Der Homo-sapiens-Club – Ethnien und Sprachenvielfalt in Star Trek” oder “Hippokrates in den Sternen – wohin noch kein Arzt gegangen ist” haben mich neugierig gemacht.

“Wie Sie hoffentlich wissen ist Philosophie viel mehr als nur ein bisserl grübeln und g’scheit daherreden” – so begann auf gut Wienerisch eine Einführungsvorlesung in die Geschichte der Philosophie, die ich vor etlichen Semestern besucht habe. Und genau dieser Leitsatz gilt auch für dieses Buch, das seinem sehr ambitionierten Titel leider just aus diesem Grund nicht gerecht wird…

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Wir machen Sprache!

Ich bin süchtig nach TED-Talks und ich bin süchtig nach Sprache. Also lasst mich bitte mal kurz hyperventilieren, während ich das hier poste:

Der TED-Talk von David Peterson, der Dothraki (und noch ein paar andere Sprachen) für Game of Thrones (wa yeah, heute geht es weiter!) entwickelt hat, spricht über den Unterschied zwischen Grammatik und Vokabeln, über Regeln und Sprecher, über historische Linguistik und die Evolution von Sprache (kurz und gut: wie Sprecher Regeln erschaffen indem sie Regeln brechen und wie sich eine Sprache dadurch entwickelt, dass die Sprecher auf die Regeln pfeifen… irregular verbs, anyone?!), und darüber, wie man eine künstliche Sprache so konstruiert, sodass sie natürlich und glaubhaft erscheint. Faszinierend und präzise.

Anschauen!

Sachen machen: Lange Nacht der Forschung

Leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener.
– Gustav Mahler

Ich auch, und die Lange Nacht der Forschung (4. April 2014) ist ein guter Grund, ausnahmsweise einmal wieder – wenn auch nicht ganz ironiefrei – ganz entzückt von der und ziemlich verliebt in die Stadt zu sein. Doch bevor ich von meinem Besuch erzähle, möchte ich noch eine kleine Bitte äußern: bitte unterschreibt die Petition Wissenschaft ist Zukunft für eine ausreichende öffentliche Finanzierung der Wissenschaft in Österreich, auf dass das Land nicht noch dümmer wird als es eh schon ist. :-/

Das Highlight der “Nacht” war für mich definitiv die Akademie der Wissenschaften (bzw. die Aula der Wissenschaften), wo die Vorstellung der Wissenschaftsbücher des Jahres und das ganz großartige nationale Science Slam Finale stattgefunden haben. Aber von Anfang an…

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